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Das Hooligan-Gehirn – ADHS, Sucht und die Gewalt in den Kurven

Von Dr. Donat Ebert, Rechtsanwalt und Strafverteidiger · Lesezeit ca. 12 Minuten

Das Wichtigste in Kürze

  • ADHS ist keine Entschuldigung für Gewalt – aber ein Risikofaktor dafür, in Szenen zu landen, in denen Gewalt belohnt wird.
  • Impulsivität, emotionale Überreaktionen und Kick-Suche treffen in der gewaltorientierten Fanszene auf eine perfekte Bühne.
  • In Haftpopulationen liegt der ADHS-Anteil je nach Studie bei 25–45 Prozent, in der Allgemeinbevölkerung bei 4–5 Prozent.
  • Wer ADHS mitdenkt, kann früher eingreifen: in Fanprojekten, bei Vernehmungen, im Täter-Opfer-Ausgleich und in der Strafzumessung.

Ein Sonderzug auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel bei „verfeindeten“ Fans: Pöbeleien, viel Bier, zerberstendes Glas am Bahnhof, Hassgesänge, Provokationen gegen und von der Polizei, ein Spalier der Ordnungshüter auf dem Weg zum Stadion, plötzlicher Ausbruch, Laufen von Dutzenden jungen Männern, eine kurze, heftige Begegnung mit den gegnerischen Fans, explodierende Gewalt, Auseinandertreiben durch Polizeiknüppel.

Solche Szenen kennen viele aus eigener Anschauung als zufällige Passanten oder aus Videos, die sich nach jedem Hochrisikospiel in den sozialen Netzwerken verbreiten. Wir reden dann über „die Fans“, über Ultras, über Polizei, über Politik – aber so gut wie nie darüber, was im Kopf derjenigen passiert, die in diesen Momenten zuschlagen.

Genau dort, im Gehirn, liegt aber ein Teil der Erklärung: bei ADHS, bei Sucht, bei einer Kombination aus innerer Leere, Impulsivität und der Suche nach maximalen Reizen, die in der gewaltorientierten Szene eine perfekte Bühne findet.

Wichtig vorweg: Ich spreche hier nicht über den Großteil der Fans und auch nicht über die überwiegende Mehrheit der Ultras, die kreativ supporten und trotz aller Grenzüberschreitungen weitgehend friedlich bleiben. Gemeint sind vor allem die sogenannten Kategorie-C-Fans – also jene, die gezielt die gewaltsame Auseinandersetzung suchen.

Ich bin Strafverteidiger, lebe selbst mit ADS und verteidige seit Jahren Mandanten, die genau in solchen Situationen eskaliert sind. In ihren Akten und Biografien tauchen immer wieder dieselben Muster auf: frühe Schulprobleme, das Etikett „Störenfried“, impulsive Ausraster, Alkohol, Kokain – und erst sehr spät oder gar nicht die Diagnose ADHS.

ADHS ist kein Entschuldigungszettel für Gewalt. Aber es ist ein massiver Risikofaktor dafür, in genau den Szenen zu landen, in denen Gewalt, Risiko und starke Reize nicht nur vorkommen, sondern belohnt werden – mit Anerkennung, Status und Zugehörigkeit. Wer Gewalt nur moralisch oder nur politisch beschreibt, lässt diesen neurobiologischen Hebel ungenutzt.

ADHS – das übersehene Erwachsenenproblem

In der öffentlichen Vorstellung ist ADHS noch immer der „Zappelphilipp“ aus der Grundschule. Im Erwachsenenalter sieht das anders aus – und hat oft nichts mehr mit Zappeln zu tun. Typisch sind drei Dinge:

  • Impulsivität – Handeln, bevor der Verstand nachkommt.
  • Emotionale Überreaktionen – Gefühle, die zu schnell und zu heftig hochschießen.
  • Innere Leere und Kick-Suche – Unterspannung, Langeweile, innere Unruhe, die erst verschwindet, wenn etwas sehr Intensives passiert.

Neurobiologisch ist das gut untersucht: Der vordere Teil des Gehirns, der bremsen, planen und abwägen soll (präfrontaler Kortex), läuft oft im „Sparmodus“. Das Belohnungssystem mit dem Botenstoff Dopamin ist unterversorgt. Das Gehirn sucht ständig nach Situationen, die genügend Reiz und Spannung liefern, um sich endlich wach, fokussiert und „richtig“ zu fühlen.

In der Allgemeinbevölkerung gehen wir von etwa 4–5 % Erwachsenen mit ADHS aus. In Gefängnissen liegt der Anteil laut Studien von Michael Rösler und Wolfgang Retz bei 25–45 %. ADHS macht niemanden automatisch kriminell – aber die Kombination aus Impulsivität, Emotionsproblemen und Kick-Suche taucht in Gewaltkarrieren verdächtig oft auf.

Das Stadion als Dopaminmaschine

Schauen wir mit diesem Wissen auf ein Hochrisikospiel:

  • das Zusammenkommen am Treffpunkt
  • die lange Anreise mit der Gruppe
  • die Gesänge im Zug
  • die verächtlichen und provozierenden Blicke zur Polizei
  • die ersten Pöbeleien mit Fans des Gegners
  • das Wissen, dass es nach dem Spiel noch „etwas geben könnte“ – einen Platz, eine Brücke, eine Raststätte

Für ein unterstimuliertes ADHS-Gehirn ist das keine harmlose Hintergrundmusik, sondern ein sauber aufgebauter Spannungsbogen. Jede Stufe schiebt Adrenalin und Dopamin ins System. Die innere Leere weicht einer klaren Ausrichtung: „Gleich passiert etwas.“

Viele meiner Mandanten beschreiben den Moment der Eskalation nicht als kompletten Kontrollverlust, sondern als plötzliche Klarheit: „Da war alles auf einmal ruhig im Kopf.“ – „Ich habe nur noch den einen Typen gesehen.“ – „Ich war total fokussiert.“

Sehr plastisch schildert das Stefan Schubert, ehemals Polizist und Hooligan, in seinem Buch „Gewalt ist eine Lösung. Morgens Polizist, abends Hooligan“: Er beschreibt den „süchtig machenden Rausch der Gewalt“, der ihn immer wieder in diese Situationen hineinzog – eine Schilderung, die sich neurobiologisch gut als Sucht nach immer stärkeren Reizen in einem unterstimulierten System lesen lässt.

In der Suchtmedizin spricht man von der Self-Medication-Hypothese: Menschen mit ADHS nutzen äußere Extreme – Tempo, Risiko, Gewalt, Substanzen –, um ihren inneren Zustand zu regulieren. Ein heimliches Ackermatch im Wald, eine Massenschlägerei an der Raststätte oder der Ausbruch aus dem Spalier der Polizei sind dann nicht nur „Aussetzer“, sondern hochwirksame, wenn auch zerstörerische Selbstmedikation.

Dazu passt, was Fanprojekte und Polizei seit Jahren beobachten: In vielen Kurven spielt Kokain eine große Rolle. Für jemanden mit ADHS wirkt Koks häufig nicht nur berauschend, sondern ordnend: Der Kopf wird ruhig, der Fokus scharf, Müdigkeit und Zweifel verschwinden. Alkohol senkt Hemmungen, Kokain liefert den Antrieb – eine für Gewalt ideale, für alle Beteiligten hochgefährliche Kombination.

Am Ende steht oft nicht nur eine Reihe von Körperverletzungen, sondern eine volle Suchtkarriere. In Akten liest man dann „Alkoholiker“ oder „Betäubungsmittelkonsument“. Die dahinterliegende ADHS-Problematik bleibt unsichtbar – für die Täter, für die Justiz und für die Betroffenen, die mit den Folgen leben müssen.

Die gefährliche Passung: Biografie trifft Subkultur

Neurobiologie allein erklärt noch keinen Hooligan. Sie trifft auf bestimmte Biografien und auf eine Szene, die genau darauf zugeschnitten ist. Viele ADHS-Biografien folgen einem ähnlichen Muster:

  • in der Schule früh als „Störenfried“ markiert,
  • immer wieder Ärger wegen Reden, Zappeln, Dazwischenrufen,
  • später Konflikte, Verweise, Klassenwiederholungen, Schulabbruch,
  • in Ausbildung und Job: Zuspätkommen, Chaos, Streit, Kündigungen.

Dazu kommt eine hohe Empfindlichkeit für Ablehnung (Rejection Sensitivity). Kritik, Spott, Ausgrenzung treffen nicht einfach nur „ein bisschen“, sondern existenziell. Der innere Satz lautet oft: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Und dann kommt die Gruppe. Die Kurve, die Ultra-Szene, die Hooligan-Clique sagen sinngemäß: „Du bist hier richtig, wenn du mutig bist, wenn du stehenbleibst, wenn die anderen weglaufen.“ Nicht deine Noten zählen, nicht dein Schulabschluss, nicht dein Lebenslauf. Entscheidend sind Loyalität, Härte, Einsatz.

Plötzlich wird das, was in Schule und Job nur Ärger gebracht hat, zu einer Ressource: Risikobereitschaft, Aggressionsbereitschaft, fehlende Angst vor Autoritäten.

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer beschreibt mit seiner Desintegrationstheorie, wie Gewalt aus Erfahrungen von Abwertung und Perspektivlosigkeit entsteht. Überträgt man das auf ADHS-Biografien, versteht man, warum das „Wir gegen alle“ der Kurve so mächtig ist: Es verwandelt das alte „Du passt nicht“ der Gesellschaft in ein neues „Du gehörst zu uns“.

Hier entsteht, was ich eine „gefährliche Passung“ nenne: Eine Szene, die Härte, Grenzüberschreitung und Kicks glorifiziert, trifft auf Gehirne, die genau nach diesen Reizen suchen und gleichzeitig ein schlechtes Bremssystem haben.

Noch einmal zur Klarstellung: Das gilt besonders für die gewaltorientierten Teile der Szene (Kategorie C). Die große Masse der Fans und der Ultras, die „nur“ mit Pyro, Gesängen und Blockaktionen über die Stränge schlagen, ist damit nicht automatisch gemeint.

Und ja – es gibt sie: die Kategorie-C-Leute, die tagsüber im weißen Kittel oder in der Robe arbeiten, als Ärztinnen, Ärzte, Rechtsanwältinnen, Rechtsanwälte. Auf den ersten Blick scheinen sie nicht in dieses Bild zu passen. Bei näherem Hinsehen bestätigen sie es eher, als dass sie es widerlegen: Es sind häufig genau die „Jäger-Gehirne“, die ihre ADHS-Neigungen in der dritten Halbzeit ausagieren, um im Alltag als hochfunktionale Akademiker bestehen zu können. Die, die im OP oder im Gerichtssaal maximal kontrolliert und fokussiert auftreten – und im Ackermatch den Teil von sich leben, der dort keinen Platz hat.

Vom Jäger und Krieger zur Fankurve

Die These ist umstritten, aber sie ist erklärungskräftig: Thom Hartmann hat ADHS als eine Art „Jägerprofil“ beschrieben – ein Gehirn, das in der Steppe Vorteile hatte, heute aber im Büro scheitert. Während der „Farmer“ ruhig, ausdauernd, planend ist, braucht der „Jäger“ Reize, Tempo, plötzliche Wendungen.

Unsere Menschheitsgeschichte ist zu etwa 99 % eine Geschichte von Jägern und Sammlerinnen, von Kriegern und Bauern. Erst seit sehr kurzer Zeit erwarten wir von Menschen, dass sie acht Stunden still sitzen, Mails sortieren und in linearen Abläufen denken. In diesem Licht ist ADHS keine Krankheit, sondern eine ehemals sinnvolle Spezialisierung, die in der falschen Umgebung zum Problem wird.

Zum Bild des Kriegers gehört in der modernen Gesellschaft zwangsläufig auch das Bild des Hooligans: der organisierte Kampf, die Rituale, die Symbole, die Feindbilder. Die Hooligan-Gruppe bietet dem „Jägerhirn“ einen Ersatz für das, was es in der realen Welt nicht mehr gibt: den klar umrissenen Gegner, das überschaubare Schlachtfeld, den kurzen, intensiven Einsatz.

Diese Perspektive rechtfertigt nichts. Aber sie hilft zu verstehen, warum sich ausgerechnet in der Kategorie-C-Szene so viele Gehirne versammeln, die in einer jagenden, kämpfenden Welt vermutlich als ideal gegolten hätten – und heute als „Problemfälle“ im Klassenzimmer und auf dem Arbeitsmarkt auftauchen, bevor sie im Block zum ersten Mal Applaus bekommen.

Hyperfokus im Block, Chaos im Alltag

Ein Einwand, den ich oft höre, lautet: „Die können doch stundenlang Choreos planen, Auswärtsfahrten organisieren, im Gym trainieren – das passt doch nicht zu ADHS.“ Doch, es passt sehr gut.

ADHS bedeutet nicht, dass man sich nie konzentrieren kann. Es bedeutet, dass man sich nur schwer konzentrieren kann, wenn einen das Thema nicht emotional packt. Wenn es einen packt, kommt es zum Hyperfokus.

Szenekundige Beamte erzählen von Männern, die keine Ausbildung zu Ende bringen, aber das Archiv ihrer Fanszene im Schlaf herunterbeten können. Jeden Spieler kennen, der je für ihren Verein gespielt hat – und wohin er danach ging, warum er ein „Judas“ wurde oder trotzdem ein Held blieb. Die jede Anekdote der letzten 20 Jahre kennen. Die tagelang an Zaunfahnen nähen, aber keinen Termin beim Amt halten.

Neurobiologisch ist das einfach: Das Thema „Verein/Szene/Gewalt“ ist für das Gehirn so aufgeladen, dass endlich genug Dopamin da ist, um den präfrontalen Kortex richtig einzuschalten. Im Block funktioniert alles – im Büro nicht.

Gerade dieser Hyperfokus macht die Szene stabil: Sie bietet Struktur, Anerkennung und regelmäßige Hochreize. Solange das läuft, gibt es für viele subjektiv keinen Grund, etwas an sich zu ändern.

Das böse Erwachen kommt, wenn das System bricht: Verletzung, Alter, Familie, Stadionverbot, Auflösung der Gruppe. Dann fällt der Kick weg – und übrig bleiben innere Leere, ADHS-Symptome, Depression, Sucht. Viele Ex-Hooligans beschreiben das als tiefes Loch nach der Szene – während die Menschen, die sie verletzt haben, noch immer mit ihren körperlichen und psychischen Folgen leben.

Keine Entschuldigung – aber ein nutzbarer Hebel

Wichtig ist: Ein ADHS-Gehirn erklärt nicht, warum jemand ein Hakenkreuz trägt, warum er Frauen verachtet oder Menschen wegen ihrer Herkunft angreift. Rechtsextreme Ideologie, Misogynie und organisierte Gewalt sind eigene Ebenen, die man nicht „wegneurobiologisieren“ darf. Aber ADHS erklärt, warum bestimmte Personen besonders anfällig sind für:

  • Szenen, in denen Gewalt Normalität ist,
  • Situationen, in denen schnelle Impulse gefragt sind,
  • Umgebungen, in denen „Dazwischengehen“ belohnt und Zögern verlacht wird.

Für die Betroffenen – verletzte Fans, verängstigte Mitreisende, überforderte Bahn-Mitarbeitende, Polizist:innen – macht es keinen Unterschied, ob der Schlag aus einer „inneren Leere“ heraus kam oder aus blankem Zynismus. Für die Frage, wie wir Gewalt verhindern und wie wir Täter mit ihren Opfern in einen echten Ausgleich bringen, macht es jedoch einen Unterschied. Wer Gewalt nur moralisch („Monster“) oder nur politisch („Nazis“) beschreibt, lässt diesen Hebel liegen. Wer sie zusätzlich neurobiologisch denkt, gewinnt eine Chance: präziser erkennen, wo Risiko entsteht – und früher gegensteuern.

Was sich konkret ändern müsste

1. Fanprojekte: ADHS mitdenken

Fanprojekte machen viel Gutes – Sozialarbeit, politische Bildung, Ausstiegsbegleitung. ADHS ist dort aber selten Thema. Es bräuchte Mitarbeitende, die typische ADHS-Muster kennen und benennen können:

  • impulsive Jugendlichengruppen,
  • extreme Stimmungsschwankungen,
  • massiver Kick-Hunger,

gerade im Umfeld der gewaltorientierten Szene. Wer versteht, dass hinter „immer Ärger“ manchmal ein unterversorgtes Gehirn steckt, kann andere Interventionen wählen – jenseits von „Du musst dich halt zusammenreißen“.

2. Schulung von Polizei und Sozialarbeit

Polizist:innen und Sozialarbeiter:innen stehen an der Front dieser Konflikte. Sie brauchen ein Grundwissen darüber, wie sich ADHS zeigt:

  • sprunghafte Aufmerksamkeit,
  • Reizüberflutung, Blackouts unter Stress,
  • schnelle Aggressionssprünge.

Vernehmungsmethoden müssten angepasst werden: kürzere, klar strukturierte Befragungen, weniger Reizüberflutung im Raum, gezielte Nachfragen, wenn der Beschuldigte „nichts mehr weiß“, statt es automatisch als Ausrede zu deuten. Das schützt nicht nur Beschuldigte, sondern erhöht auch die Qualität der Aussagen – und damit letztlich auch die Rechte der Opfer.

3. Täter-Opfer-Ausgleich und Restorative Justice anpassen

Der klassische Täter-Opfer-Ausgleich im Sinne von § 155a StPO setzt einen oder mehrere konkret benennbare Verletzte voraus – also Personen oder Unternehmen, die individuell geschädigt wurden. Bei Landfriedensbruch und ähnlichen Fußball-Delikten gibt es das durchaus:

  • verletzte Mitreisende,
  • geschädigte Bahnunternehmen,
  • verletzte Polizeibeamt:innen.

Hier kann ein „normaler“ Täter-Opfer-Ausgleich sinnvoll sein und sollte konsequenter genutzt werden: Entschuldigung, Schmerzensgeld, symbolische Leistungen, verbindliche Vereinbarungen darüber, was sich künftig ändern soll. Gleichzeitig haben wir in vielen Fällen Dutzende Beteiligte und zahlreiche, teils anonyme Betroffene – Menschen im Zug, Bahn-Personal, Passanten, die verängstigt wurden, ohne später als Zeugen oder Verletzte aufzutauchen. Ihre Perspektive taucht in den Akten kaum auf, ihre Angst bleibt privat. Für diese Konstellationen bräuchte es ergänzende, restorative Formate nach dem Vorbild des Täter-Opfer-Ausgleichs:

  • vorbereitende Einzelgespräche (inklusive Blick auf ADHS, Impulsivität und Sucht),
  • kürzere, klar strukturierte Begegnungen gegebenenfalls mit stellvertretenden Betroffenen (z. B. Mitarbeitenden der Bahn, Rettungskräften, unbeteiligten Fahrgästen),
  • verbindliche Vereinbarungen, die Wiedergutmachung, Anti-Gewalt-Trainings und – wo angezeigt – ADHS-gerechte Therapien einschließen.

Im engeren juristischen Sinn wäre das nicht immer ein Täter-Opfer-Ausgleich nach § 155a StPO, aber es würde denselben Gedanken praktisch machen: Verantwortungsübernahme, Wiedergutmachung, Anerkennung des erlittenen Unrechts und echte Auseinandersetzung mit den Folgen der eigenen Gewalt. Vermittler:innen in solchen Verfahren sollten geschult werden, ADHS-Muster zu erkennen und Gespräche so zu strukturieren, dass echte Auseinandersetzung möglich wird, statt Überforderung und Abbruch zu produzieren.

4. Niedrigschwellige Checks statt Pathologisierung

Niemand setzt sich in einen Fanladen und sagt: „Ich hätte gern eine ADHS-Diagnostik.“ Aber man kann einfache Fragebögen („Was läuft in deinem Kopf?“) in Workshops, Freizeitangebote oder 1:1-Gespräche einbauen. Wer dort deutlich auffällt, kann anonymisiert an Ärztinnen, Therapeuten oder spezialisierte Beratungsstellen verwiesen werden. Es geht nicht darum, aus jedem Hooligan ein Opfer seiner Biologie zu machen, sondern diejenigen zu identifizieren, bei denen ein behandelbares Problem ständig in Gewalt umschlägt.

5. Ausstieg mit Ersatz-Kick

Wer Gewalt als Selbstmedikation genutzt hat, kann nicht nur mit Verboten therapiert werden. Es braucht alternative Quellen für Intensität: Kampfsport, Boxen, MMA, Crossfit – aber unter strengen Regeln, mit Trainer:innen, die ADHS und Sucht kennen.

Viele solcher Projekte gibt es bereits, mit guten Erfolgen, allerdings fehlt hier häufig noch der ADHS-Kontext, der oft genug noch hilfreicher wäre – auch im Bewusstsein der Trainer: Wie muss ich mit diesem Schüler umgehen, was läuft in dessen Kopf ab?

Wichtig ist: Der Kick bleibt, die Gewaltform ändert sich. Restorative Justice meint nicht „Kuschelkurs“, sondern einen Rahmen, in dem Verantwortung übernommen wird – und zugleich neue, gewaltfreie Formen von Spannung, Herausforderung und Zugehörigkeit möglich werden.

6. Justiz und Strafverteidigung

In Akten zu Stadiongewalt wird ADHS so gut wie nie abgefragt. Eine systematische Diagnostik könnte dazu führen, dass Strafen nicht nur aus Freiheitsentzug und Stadionverbot bestehen, sondern aus Bewährung plus Auflagen:

  • Therapie,
  • Suchtbehandlung,
  • Training von Emotionsregulation,
  • Teilnahme an Täter-Opfer-Ausgleich oder anderen restaurativen Verfahren.

Nicht als Freifahrtschein, sondern als Bedingung dafür, dass es nicht zur nächsten Tat kommt. Das dient am Ende vor allem den potenziellen Opfern – also denen, die sonst beim nächsten „Aussetzer“ getroffen würden.

Ein anderes Bild vom „Schläger“

Ich sitze oft mit Männern in der JVA, die schwere Körperverletzungen begangen haben. Manche sind stolz, manche schämen sich, viele wirken einfach leer. Fragt man nach ihrer Geschichte, tauchen immer wieder dieselben Bilder auf:

  • ein Kind, dem ständig gesagt wurde, es sei „zu viel“,
  • ein Jugendlicher, der Schule und Ausbildung nicht auf die Reihe bekam,
  • ein junger Mann, der im Block zum ersten Mal das Gefühl hatte: „Hier bin ich richtig, hier werde ich gemocht, respektiert.“

Auf der anderen Seite sitzen die, die geschlagen, gedemütigt, verletzt wurden: Menschen, die heute noch ungern in Züge steigen, die das Trikot ihres Vereins nur noch im Schrank anschauen, die Geräusche von Fangesängen mit einem mulmigen Gefühl hören. Sie tauchen als „Geschädigte“ in Akten auf, manchmal als Zeugin, oft gar nicht.

Wenn wir über Gewalt in den Kurven sprechen, sollten wir beide Bilder nebeneinanderlegen: das Hooligan-Gehirn – und die Körper und Seelen derer, die es trifft. Nicht, um Täter zu entlasten. Sondern, um besser zu verstehen, wo man früher und klüger ansetzen kann, damit es gar nicht erst zum Schlag kommt – und, wenn er doch passiert ist, wie man Täter und Opfer in einen echten Ausgleich bringen kann, der Vertrauen wenigstens teilweise wiederherstellt.

Die Kurve ist für viele nicht nur ein Ort der Leidenschaft, sondern auch ein inoffizielles Labor für Gehirne, die im Alltag keine Ruhe finden. Solange wir das Hooligan-Gehirn nicht miteinbeziehen, werden wir Gewalt vor allem verwalten – mit mehr Polizei, mehr Verboten, mehr Verfahren.

Wenn wir es ernst nehmen, haben wir eine Chance auf etwas anderes: dass weniger Menschen Gewalt brauchen, um ihre innere Ordnung herzustellen – und dass diejenigen, die getroffen werden, mehr bekommen als eine Aktennummer: nämlich Gehör, Anerkennung und, wo möglich, Wiedergutmachung.

Darum sollte es gehen – auf den Rängen, in der Justiz und in jedem Büro, das sich mit der Behandlung der Fußball-Gewalt befasst. Das wäre besser für alle: die, die zuschlagen, die, die getroffen werden, und die, die mit ihren kleinen Kindern zum Fußball gehen wollen, ohne Angst zu haben.

Sie sind selbst betroffen?

Wenn gegen Sie oder Ihr Kind ein Verfahren wegen Landfriedensbruch, Körperverletzung oder Stadiongewalt läuft, ist ADHS kein Freifahrtschein – aber ein Punkt, der im Verfahren eingeordnet werden muss. Am besten früh, nicht erst im Urteil.

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