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Der Blick-Kontakt im Strafprozess

Malerische Szene aus dem Filmklassiker „Casablanca“ (1942): Rick und Ilsa blicken sich am nächtlichen Flughafen tief in die Augen – Titelbild zum angekündigten Aufsatz über Blickkontakt im Strafprozess.

„Oder: Schau mir in die Augen, Angeklagte“

Here's looking at you, kid. – Der berühmteste Abschiedssatz der Filmgeschichte, aus „Casablanca“ (1942).

Fast jeder kennt die Szene am nächtlichen Flughafen von Casablanca: Rick und Ilsa stehen sich gegenüber, und Rick sagt diesen einen Satz. Seitdem gilt Blickkontakt im Kino als Inbegriff von Ehrlichkeit und Nähe – wer dem anderen in die Augen schaut, hat nichts zu verbergen.

Vor Gericht denken viele genauso. Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte, Schöffinnen und Schöffen lesen aus dem Blick, ob jemand die Wahrheit sagt. Wer dem Gegenüber nicht in die Augen sieht, wirkt schnell unsicher, ausweichend – oder schuldig. Dabei sagt vermiedener Blickkontakt nichts über die Wahrheit aus. Aber er sagt einiges über die Erwartungen derer, die zuschauen.

Warum Blickkontakt vor Gericht so viel Gewicht hat

Die Vorstellung, man könne Lüge und Wahrheit am Blick ablesen, ist uralt – und wissenschaftlich kaum haltbar. Trotzdem prägt sie Vernehmungen, Plädoyers und Beratungen im Richterzimmer. Wer den Blick senkt, wirkt unsicher; wer starr hinüberschaut, wirkt aggressiv. Beides sagt nichts über die Sache aus, aber viel über die Wahrnehmung der anderen.

Genau hier liegt die Gefahr: Ein Verhalten, das im Verfahren falsch interpretiert wird – etwa als Uneinsichtigkeit, Kälte oder sogar Trotz –, ist bei neurodivergenten Menschen häufig etwas anderes: Überforderung, Konzentration auf das Gesagte oder schlicht die Anstrengung, Blickkontakt zu halten. Meine Aufgabe als Verteidiger ist es, den Sachverhalt und das Verhalten der beschuldigten Person rechtzeitig und korrigierend einzuordnen. Dies ist besser, als es später zu erklären.

Der kommende Aufsatz erzählt, woher diese Erwartung kommt – vom Kino über die Vernehmungstheorie bis in den Verhandlungssaal – und was Verteidigung tun kann, damit aus einem vermiedenen Blick kein Vorurteil wird. Er ist als Beitrag zu einer Diskussion gedacht: Was bedeutet es für die Justiz, wenn sie Wahrheit am Blick festmacht?

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*Dr. Donat Ebert ist als Rechtsanwalt in Deutschland seit 1997 und in Ungarn seit 2011 zugelassen. Darüber hinaus war er von 2013 bis 2016 als Verteidiger vor dem Internationalen EULEX-Gerichtshof im Kosovo tätig und hat dort ehemalige UCK-Kämpfer ebenso wie Beschuldigte in großen Strafverfahren verteidigt. Auch in Österreich war er mit Ad-hoc-Zulassungen in mehreren Strafverfahren als Strafverteidiger tätig. Eine Strafverhandlung in Salzburg hat er in seinem Krimi „Law-Hunting“ wiedergegeben.